1. Der Bildzyklus Lichtzentrieren ist ausschließlich
aus Worten entstanden, aus vielen Worten, die du in Farbe auf Leinwand
gebracht hast. Wie hast du die Worte gefunden?
Von Anfang an waren auch immer andere Menschen beteiligt. Sie haben die Worte gesprochen und gewünscht oder ich habe sie im Gespräch mit der jeweiligen Person/Personengruppe geschrieben auf Anregung oder als Aussprache oder als Stärkung für jemanden Lichtzentrieren war von Anfang an ein gemeinschaftliches, sozial inspiriertes und kommuniziertes Projekt die Worte habe ich immer direkt auf die Bilder geschrieben, die Bilder bestehen vollständig aus Worten ich habe die Worte dokumentiert, sie bilden die Basis, die „Essenz“ im gleichnamigen Text „Lichtzentrieren“, der parallel entstand. Manche der Worte waren urprünglich in anderen Sprachen, da da habe ich sie direkt so auf das Bild geschrieben, aber im Text dann übersetzt
2. Gab es bestimmte Bedingungen für die Auswahl der Worte?
Die einzige Bedingung war, die Worte sollten nicht negativ oder zerstörerisch sein. Einmal gab es das Wort „Dauerkränkung“, da haben wir uns geeinigt, stattdessen „Dauerheilung“ zu verwenden. Ansonsten wurden alle Worte, Wortgruppen, Sätze so akzeptiert, sofort und ohne zu bewerten. Manchmal sind sie sofort präsent gewesen, manchmal sind sie in einem Findungsprozess aufgetaucht, die Person musste etwas überlegen, manchmal im Gespräch angenähert, manchmal wurde ein Impuls als Botschaft gesendet.
3. Wie haben Wort und Farbe zusammengefunden?
Es gab je ein Wort oder eine Wortgruppe im Dialog mit einem oder mehreren Menschen die Intention der Worte steuerte die Wahl der Farbe und auch der Position auf dem Bild das könnte ganz intuitiv sein, manchmal auch direkt im Dialog, es ist so ähnlich wie in einer systemischen Aufstellung direkt auf dem Bild geworden. Da gab es zum Beispiel im Telefongespräch den Wunsch „klarer Geist“. Ich hatte vorher gefragt: Was wünschst du dir? Die Antwort war spontan: Klarer Geist. Dann frage ich: Welche Farbe hat „klarer Geist“ und wo befindet er sich auf der Bildfläche – oben, unten, rechts, links etc. … manchmal habe ich nach den Intentionen der Person auch direkt vor Ort eine Farbe ermischt.
4. Was verstehst du unter Lichtzentrieren?
Das ganze Leben an der kosmischen Lichtmitte auszurichten, die Werkzeuge dazu: Zeit und Ritual. Ein Beispiel für Ritual sind die zeitgleich entstandenen Zeichnungen „Zauberberg“, täglich entlang der Ost-West-Ausrichtung, zuerst in Richtung Osten linkshändig an dem eher grafischen Blatt gezeichnet und dann Richtung Westen rechtshändig an dem rotfarbigen. Die Ausrichtung an den vier kosmischen Richtungen auch morgens als Atemritual bei Sonnenaufgang. Prinzipien können in Ausrichtungsroutinen beispielsweise und Atemjustierung, Textexegese, Bewegungsausdruck, Haltungen, Gehmeditationen oder Fokussierungen präsent sein. Diese Routinen sind mit der Bildwerdung verwoben. Es geht um die Justierung der eigenen Mitte im Licht, das ist das Zentrum von Welt, das ist der Ort, das ist die Zeit. Die Praxis ist abgebildet in drei Bild/Text-Untergruppen (siehe dazu Frage 13). Zehn kleine Bilder repräsentieren dreimal Entstehen, Entfalten und Ernte und die Phase der Vorbereitung (0). Die Vierergruppe „Blumen“, „Berge“, „Vögel“, „Wasser“. Sowie die zwei Bilder „RechtsLinks“ und „LinksRechts“.
5. Die Worte, welche in den Bildern enthalten sind – hast du sie
später (oder parallel?) in den Texten zum jeweiligen Bild verarbeitet?
Die Bildworte sind das Material für die Texte geworden. Alle Worte und Wortgruppen sind im Textteil „Essenz (Material)“ genauso aufgelistet. Manche waren in anderen Sprachen, diese habe ich dann ins Deutsche übersetzt. Im Textteil „Kommentar“ habe ich auf Basis dieser Worte einen kommentierenden Text (teilweise mit KI-Ergänzung, siehe Frage 15) verfasst. Die endgültig geschöpften Texte in kurzen Versen arbeiten die Energiesituationen aus, welche auch in den Einzelbildern präsent sind, und filtern aus dem Textmaterial (Essenz) dafür eine Auswahl heraus.
6. Kann man die Texte auch als eine Art
Entstehungs-/Verlaufsbeschreibung für die Bilder lesen, die
gewissermaßen die Bildwerdung protokollieren?
Die Texte gehen aus der gleichen Quelle wie die Bilder hervor und adressieren diese auf eigene Art. Die Bildworte protokolliert sind im angehangenen Textteil „Essenz (Material)“. Nach der Schöpfung der Worte gehen die Texte ihren eigenen Weg, um die geistigen Prinzipien individuell zu adressieren. Wie zwei Sprachen, die sich aus einer nicht verschrifteten Protosprache entwickeln und unterschiedliche Kulturen und Geschichte erleben, sich doch aber grammatische Strukturen und die Namen der Hauptgottheiten teilen. Es geht weder um Bild als Erscheinung (sondern dies geschieht), es geht weder um Wort (denn dies erklingt), sondern um den lebendigen Prozess und dessen energetische Signatur.
7. Welches Licht ist für dich das wichtigste – die Sonne – Sterne –
Reflexionen?
Das innere Licht reflektiert alles äußere, ist Quelle und Beleuchtetes (also für Licht empfänglich) zugleich . Im täglichen Prozess geht es darum, sich im Lichtbewusstsein zu verankern – in einem Lichtstrahl zu ankern, sich im Zwischenraum zwischen dem materiellen und psychischen Ufern schwebend – sicher zu verankern.
8. Du sprichst von Ausrichtung … auf das Göttliche?
Die Erfahrung des Unvollständigen führt uns zur Erkenntnis des Göttlichen und die Annahme des Gegenwartsraums. Ausrichtung heißt in Analogie zu Wasser: Gravitation. Jeder Weg kann der richtige sein, wenn er im Bewusstsein des Lichts gegangen wird. Schritt für Schritt.
9. Welche Fragen hast du anderen gestellt?
„Was beschäftigt dich gerade am meisten?“ oder „Was wünschst du dir?“ Eine dieser Fragen stand oft am Anfang der Wortfindung und sie hat mich wirklich interessiert.
10. Welchen Effekt, welche Wirkung hatte es auf die beteiligten
„Wortgeber“, ihren Wunsch in Farbe manifestiert auf der Leinwand zu
wissen?
Feedbacks zum dialogischen Prozess waren: öffnend, verwandelnd, stärkend, heilend, aber auch irritierend. Angesichts der fertigen Bilder in der Ausstellung reichten die Reaktionen von: friedvoll, befremdlich, inspirierend, neugierig, stolz oder auch überrascht.
11. Was war der Impuls für den Lichtzentrieren-Prozess?
Es gab zwei Impulse als Auslöser: Seit vielen Jahren ist für mich die Praxis der Ausrichtung des ganzen Lebens an der kosmischen Ganzheit ein Thema. Und nachdem ich im Dialog oft darüber sprach, entwickelte sich in mir der Wunsch, diese Praxis zu beschreiben in einer universell abbildenden Sprache. Das Ritual zu kommunizieren, als Werkzeug um das „Kloster in Welt“ zu etablieren als Raum der totalen Freiheit. Der andere Auslöser war der spontane Wunsch, einem nahestehenden todkranken Menschen eine Hoffnungsbotschaft zu senden.
12. Hast du zuerst die Liste der Worte erstellt?
Zuerst waren die Worte auf den Bildern im Dialog mit dem Bild und anderen Menschen. Vor dem Verwischen der Worte habe ich diese immer protokolliert. So ist eine Liste geworden, der spätere Textteil* „Essenz (Material)“.
13. Kannst du die Worte noch exakt den Bildern zuordnen?
Es gibt 3 Bildgruppen im Zyklus Lichtzentrieren. Die kleineren Formaten (0 … 9) bilden einen geistigen Entwicklungszyklus ab, mit Geburt, Entstehen, Entfalten, Ernte etc. Angefangen habe ich sie spontan in der Küche und eine spontane Wortbotschaft an einen nahestehenden schwerkranken Menschen direkt auf das Bild geschrieben, um Hoffnung auszudrücken. Die mittleren Bilder (Ort der Welt) entstanden von Anfang an im Atelier, sie sind bereits drei Jahre zuvor angelegt gewesen, mit ihren individuellen Bildthemen, lange bevor der Prozess sich entwickelte. Die beiden großen Friese ergaben sich als die Rahmen durch einen Zufall zu mir kamen. Das war der Start und als erstes Wort schrieb ich auf beide „Lichtzentrieren“. Die Worte nun habe ich entsprechend diesen drei Untergruppen dokumentiert, oft aber auch Zwischenzustände fotografiert, z. B. für die jeweiligen Dialogwortpartner am Telefon, um ihnen das visuelle Ergebnis zu zeigen.
14. Wenn man ein Bild sieht, möchte man die Bedeutung der darauf
stehenden Worte wissen … Warum hast du sie verwischt?
Ich wollte die Essenz der Worte entfalten. Die erkannte Form der Worte sollte sie freigeben. Der lesbare Begriff aktiviert ja das innere Bild beim Betrachten und blockiert so die Wahrnehmung dieser gegenwärtigen Essenz. Der formlose Bedeutungsgehalt der Worte wurde nun überlagert, summiert mittels der Werkzeuge: Zeit und Ritual. Damit sie – nachdem sie authentisch mitgeteilt wurden – ihre Intention, ihre formlose Ausrichtung durchscheinen lassen. Der semantische Gehalt, also die Bedeutung, aktiviert leicht ein Schema in den Betrachtenden, man sieht den Inhalt des eigenen Kopfes und nicht das Bild. Deshalb ist die semantische Bedeutung störend. es ist wie bei der Übersetzung, sie deutet auf die formlose Essenz, transportiert sie, ohne selbst Anspruch auf Existenz zu haben. Es geht also um das Mark des Baumes – Übersetzung 1 und Übersetzung 2 werden den Baum aus verschiedenen Winkeln betrachten und jeweils nur ein Lichtverteilungsmuster auf der Baumrinde ausdrücken. Die verwischten Worte deuten also auf das Wortlose, was hinter dem Wort steht.
15. Für den Textteil* „Kommentar (Material)“ hast du teilweise
KI-Algorithmen verwendet. Wie stehst du allgemein zur derzeitigen (2025)
KI-Entwicklung.
Da wird etwas sichtbar, was vorher noch nie sichtbar, ja vorstellbar war (wie z.B. ein dreieckiges Viereck nicht vorstellbar sein dürfte). Denn bisher war dieses Nochnichtsichtbare mit der gestalterisch-kreativen Entscheidung verknüpft. Wenn diese gestalterisch-kreativen Entscheidungen eine KI übernimmt, werden wir etwas erkennen. Es wird etwas hervorscheinen, ein menschliches Potential, was jenseits, hinter der gestalterisch-kreativen Entscheidung liegt. Der Mensch kann sich nämlich mit dem Absoluten verbinden, dessen Teil er ist. Ein Beispiel liefert die Schrift, deren Gebrauch rhythmisch-memorierte Sprache funktional überflüssig macht. So wurde etwas bis dahin funktional Verknüpftes frei und lebt in Lyrik fort. Ebenso ermöglichte die Fotografie die Entfaltung einer direkt abstrahierten Kunst, die nicht mehr eine Abbildfunktion primär erfüllen musste. Dieses Nochnichtbenannte adressiere ich in Bildern und Prozessen und nenne es vorerst „das Heilige im Menschen“. Die Eigentümlichkeit der KI in ihren Anfängen nutze ich dabei als Stilmittel dieser einmaligen Übergangszeit, das so roh erscheinen mag später wie frühe Pixelgrafiken aus den Anfängen der Bildverarbeitung.
16. Warum haben die Einzelbilder andere Titel als die Texte, die in
der Ausstellung neben den Bildern hängen?
Die Texte haben einen eigenen Weg genommen, das betrifft auch deren Titel. (siehe auch Frage 8)
17. Worauf verweisen die Bild-Untertitel, z. B. Vögel?
In der 2. Bildgruppe, bei „Vögel“, „Berge“, „Blumen“ und „Wasser“ handelt sich um Meditationsobjekte, die Ausrichtung, Verortung in Welt adressieren. Sie sind für mit Teil des Atmens in vier Himmelsrichtungen zur Zeit der aufgehenden Sonne, ex oriente lux, Orientierung. Die 3. Bildgruppe, „RechtsLinks“ und „LinksRechts“, zielt auf Balance, auf Ausgleich und Ganzwerdung. Rechts- und Linksschriftlichkeit, die rechte und linke Seite schätzen, nutzen, sichtbar machen, zum Einen hin öffnen. Die 1. Bildgruppe, „0“ bis „9“ ist als Abfolge von Ritualen präsent, die das ganze Leben umfassen. Aufstieg, Entwicklung, Entfaltung, Reife, Tranformation usw. als Stadien. Jedes Einzelbild steht für eine Position im Zyklus. Die Wiederholung, das Ritual als Werkzeug verwirklicht sie im Entstehen.
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* „Lichtzentrieren“
(Text, Essenz und Kommentar, 2023–2025)
Das Interview wurden mit verschiedenen Gesprächspartnern im Juni 2025 geführt.