MONOCHROM

e.artis contemporary 15.10. - 31.12. 2016
 

  
  


Katalogtexte:

Die Gleichzeitigkeit aller Dinge
Grußwort
von Konstanze Wolter, Founder & Managing Partner e.artis


Wenn ich meine Augen schließe und mein Gesicht der Sonne zuwende, dann erzeugt das Licht auf der Innenseite meiner Lider eine flirrende Fläche, meist in einem Farbton. An dieses Innenlidbild erinnern mich die Bilder von Michael Goller. Die dunkle Jahreszeit beginnt und mit ihr seine Ausstellung des Lichtes.

Wie man schon beim Eintritt bemerkt, bündelt sich an den weißen Wänden die reine Farbenergie mit einer Leuchtkraft, die das Herz bewegt. Es ist, als sei im Grün der Frühling, im Gelb der Sommer eingefangen, im Weiß der Frost, im Blau der Himmel ... Die monochrome Farbe eines jeden Gemäldes ist das Erste, was wir wahrnehmen und was uns öffnet wie ein warmer Sonnenstrahl auf dem Lid am frühen Morgen. Aufgeschlossen tritt man näher und eine neue Welt offenbart sich. Wir entdecken Figuren nur in Umrissen, die uns erinnern an Sport, Religion, Beruf ... In den tiefen Farben verbergen sich Assoziationen, so komplex, dass die Geschichte, die sie erzählt, für jeden von uns bei jedem Bild eine andere sein wird.

Michael Goller sagte mir einmal, er freue sich und versuche immer wieder das Licht zu malen. Wenn er das sagt, meint er nicht nur das Licht, das die Welt erhellt, sondern auch das innere Licht, das er und das wohl jeder in sich trägt. So liegen den Gemälden tiefe Schichten an Zeichnungen, Lasuren und Übermalungen zu Grunde. Es können schon bis zu 15 Materialschichten sein, die er im Extrem komplett in Schwarztönen übermalt hat und nur in einem kleinen Ausschnitt noch sichtbar lässt. Was so leicht aussieht wie von Kinderhand, ist durch hart erkämpfte Farbversuche und lange Interaktion mit einem Gemälde entstanden. Als ich deutliche Farbflecken auf einigen Gemälden sah, fragte ich, was der Klecks in dem eigentlich schon fertigen Bild macht? „Das ist wie es ist“, sagt Michael Goller. „Die Gemälde dürfen einfach so sein, wie sie sind. Wertfrei.“ Es geht nicht um schön sein, ansehnlich, dekorativ. Der meist skulptural erhabene Farbpunkt ist wie ein Blatt auf der Oberfläche eines Sees, das vor dem reflektierten Bild des Himmels, der sich darin spiegelt, schwimmt. So ist die letzte Ebene, die ganz oben auf der Oberfläche seiner Leinwände liegt, ein Hinweis auf das Darunterliegende und die Gleichzeitigkeit aller Dinge in einer vorurteilsfreien Gegenwart.

Seine Tuschezeichnungen ergänzen die Gemälde in der neuen Schaffensphase, die Michael Goller „Bild-Text-Kontext“ nennt. Wir sehen Kunstwerke, wie er sie noch nie schuf und wie er sie – so sagt er selbst – auch nie wieder wird schaffen können. Würdigen wir Gollers introvertierte Arbeit an seinem Werk mit wertfreier Auseinandersetzung und gewinnen dabei – unser eigenes Licht.


Ein ornamentaler Reigen
Zu den Tuschezeichnungen von Michael Goller
von Dr. Jutta Moster-Hoos Leiterin Horst Janssen Museum Oldenburg


„Das Medium ist die Botschaft“- die Kernaussage des kanadischen Philosophen und Kommunikationstheoretikers Marshall McLuhan (1911 – 1980), wiederholen wir wie ein Mantra und sind ebenso der Überzeugung, dass die modernen Kommunikationstechnologien unser Denken und unsere Wahrnehmung verändern, unabhängig von der jeweiligen „Botschaft“, die überbracht wird. Angesichts des Medienstudiums von Michael Goller scheint mir der Ausflug in diese Disziplin angebracht.

Denn der Künstler reflektiert in seinen Werken unablässig über die beiden Medien Malerei und Zeichnung, und zwar auf eine sinnliche, ungemein anschauliche Art und Weise. Wenn der Malerei Flächen, Farben, Farbverläufe und Pinselduktus zugeordnet sind, dann steht die Zeichnung für Linien und Striche, Schwarz-weiß-Kontraste und Handschrift. Goller bringt all diese Elemente zusammen. Aber er vermischt die Ebenen nicht, sondern macht sich und dem Betrachter immer bewusst, dass er changiert zwischen „malerisch“ und „graphisch“, und diese Ebenen unabhängig voneinander funktionieren. Einerseits schafft Goller malerische Farbräume, die dreidimensionale Tiefe suggerieren, Hintergründe bilden und doch keine Angaben zu Raum und Zeit zu machen. Andererseits zeichnet er Figuren, die sich durch ihre Umrisslinien deutlich abheben, ohne dass ihre Funktion unmissverständlich klar wird.

In seinen Tuschezeichnungen ist Goller naturgemäß auf die lineare Gestaltung angewiesen, aber er setzt nicht nur Linien ein, sondern schafft auch Flächen und unterschiedliche Schwarzwerte durch Strichlagen. Im Unterschied zu seiner Malerei, die eher statisch angelegt ist, sind die Tuschzeichnungen von einer Dynamik erfasst, welche die Bildelemente verbindet und antreibt. Strudel lassen die filigranen Muster, die sich vor unseren Augen aufbauen, in Bewegung geraten. Häufig versucht das Auge menschliche Figuren zu erkennen, die aus den Linienknäueln entstehen. Goller spielt mit der vertikalen Silhouette, lässt uns Menschenansammlungen erahnen, auch Bekleidung kann der Betrachter assoziieren. Aber vielmehr ist es ein ornamentaler Reigen, den er spinnt, in dem alles mit allem verwoben ist, der scheinbar endlos fortgeführt werden könnte. Der Betrachter sieht Momentaufnahmen eines ewigen Welttheaters, das er staunend besieht, aber nicht begreift.

Die Verknüpfungen von gegenstandslosen und figurativen Elementen, das Staffeln von Raumebenen, die Kombination von malerischen und graphischen Strukturen, das alles lässt uns über den Schaffensprozess reflektieren. Es ist mehr als konsequent, dass Gollers Arbeiten „ohne Titel“ aus seinem Atelier entlassen werden: Das Medium ist die Botschaft.


Kunst der Zwischenräume
Zu Michael Gollers aktuellen Arbeiten
von Ludwig Seyfarth Kunstkritiker & Kurator KAI 10 Arthena Foundation, Düsseldorf

Michael Gollers Kunst ist eine der Zwischenräume und Kippmomente. Seine Werke oszillieren zwischen Schrift und Bild, Abbildung und selbstbezüglicher Form, narrativer Offenheit und hermetischer Verschlossenheit, flächiger Ausdehnung und räumlicher Schichtung, Transparenz und Verdichtung. Der Einsatz der Farbe enthält ebenfalls ein Umschlagsmoment, denn auch wo es koloristisch bunt und kräftig zugeht, werden die Farben stets in ein aus ähnlichen Tönen bestehendes Umfeld eingebunden. So besteht immer eine Tendenz zur Monochromie, auf die auch der Titel dieser Publikation verweist.
Die Medien Zeichnung und Malerei, in denen sich Goller primär ausdrückt, sind ebenso ineinander „verwoben“ wie die Strichund Linienführungen, die sich auf verschiedenen Ebenen überlagern – fein und netzartig mit schwarzer oder farbiger Tusche gezogen auf den Zeichnungen, mit breitem Pinsel die Bildfläche bedeckend auf den Gemälden.

Die detailreichen Zeichnungen entwickeln sich häufig auf panoramatischen Breitformaten. Die um 2014 entstandenen Blätter weisen eine patchworkartige Struktur aus mehreren Zentren oder Fluchtpunkten auf, während die einzelnen Bildelemente auf den neueren Zeichnungen kompositorisch zu größeren Bögen zusammengefasst sind. Gegenwärtig arbeitet Goller an noch weit breiteten Formaten, die er wie chinesische Schriftrollen sukzessive bearbeitet. Die Gebilde, die sich auf den Zeichnungen wie aus dem Strich heraus ergeben, scheinen stets organische Gebilde oder Gegenstände zu suggerieren, ohne als konkrete Darstellungen äußerer Dinge identifizierbar zu sein. So verharren sie auch in einer Art Zwischenzustand zwischen Schrift und Bild.

Während man als Betrachter dieser Breitformate den Bewegungsimpulsen der Linien folgt, sich dass Auge und auch der Körper in Bewegung setzen, um alles zu erfassen, sind die Formate der Gemälde kompakter. Auch hier bestimmen lineare Bahnen und Umrisse die Komposition, doch die mit dem Pinsel gezogenen Linien sind weit breiter als auf den Zeichnungen und füllen in mehreren Schichten die ganze Leinwand aus. Es gibt keine Partien, die nicht mit Farbe bedeckt sind, wobei untere Schichten an vielen Stellen sichtbar bleiben. Die verschiedenen Ebenen durchdringen einander optisch jedoch so stark, dass sich nie eine klare räumliche Trennung in Davor und Dahinter, in Vorder- und Hintergrund ergibt. Dies gilt erst recht nicht für ein von fast schwarzen Tönen bestimmtes Bild, in dem die räumlichen Schichten gleichsam geschluckt werden.

Hier wären auch solche Elemente nicht mehr sichtbar, die sich auf anderen Gemälden eingenistet haben und wie aus den Zeichnungen hierher herübergewandert scheinen. Es handelt sich um kleine schablonenartig umrissene Figuren, die verglichen mit den großen Gesten der gemalten Lineaturen, die bisweilen auch fragmentarische Körper oder Gegenstände umreißen, fast miniaturhaft wirken.
Den erkennbaren Motiven liegen oft Fotovorlagen aus Zeitungen zugrunde. Die konkreten politischen und zeitgeschichtlichen Ereignisse, die sie ursprünglich dokumentierten oder illustrierten, werden jedoch bei der malerischen Umsetzung verdichtet und verallgemeinert. So ergibt sich keine wirkliche Narration, jede externe Referenz wird im Prozess des Malens dem Gemälde einverleibt, so dass die Bildvorlage gleichsam leergesogen zurückbleibt.

Dies gilt noch konsequenter für die Fotografien, die mit Gollers Biografie verbunden waren und ihn in seiner Kindheit und Jugend zeigten. Der Künstler hat sie sukzessive als Vorlagen für Bilder verwendet und anschließend vernichtet. So ist die „Seele“ der Fotos gleichsam in die Bilder gewandert und der zurückgebliebene Körper wurde „beerdigt“.
Der Fotografie, die jeden vergangenen Moment im Bild „verewigen“ kann und ihn damit vor dem Vergessen bewahrt, wird somit selbst dem Vergessen überantwortet. Die Erinnerung kann sich nicht mehr an sie heften, sondern sie kann selbst nur noch erinnert werden.

So steht hinter Michael Gollers Kunst auch der Versuch, mit den klassischen Medien Malerei und Zeichnung ein anderes Bildgedächtnis zu aktivieren als das durch mediale Bilder vermittelte. Lassen sich seine schichtenartigen Bildfindungen nicht auch als Bilder des Gedächtnis sehen, Sigmund Freuds berühmte „Notiz über den ‚Wunderblock’“ (1925) aufgreifend? Was bei einem Wunderblock auf das auf einer Wachstafel liegende Papier gezeichnet oder geschrieben wird, kann immer wieder gelöscht werden, wenn das Papier den Kontakt zur Wachstafel verliert. Aber der Vorgang des Löschens ist nicht vollständig, denn eine – wenngleich nur schwach sichtbare – Spur bleibt stets bestehen. Michael Gollers Bilder und Zeichnungen könnten sichtbar gemachte Spuren früherer Einschreibungen sein, geschrieben in einer Sprache, deren Code wir nicht kennen und den wir entschlüsseln müssten wie Archäologen die Hieroglyphen einer vergangener Kultur.

Bei aller Nähe zur Sprache und zu Schriftzeichen ist das Verhältnis von Text und Bild bei Michael Goller ein gänzlich anderes als in den vielen Ausprägungen einer bewusst „konzeptuellen“, das heißt auf einer verbal formulierten oder formulierbaren Idee basierenden Kunst. Denn was sich auf seinen Bildern ereignet, ist mit sprachlichen Mitteln nur unzureichend zu fassen. Goller spielt immer wieder mit dem Zwischenbereich von Schrift und Bild und seine Formenwelt besteht vornehmlich aus gegenständlich nicht eindeutig Identifizierbarem. So ist es nicht einfach, Wahrgenommenes in sprachliche Kategorien zu fassen. Letztlich – könnte man sagen – „siegt“ bei Goller das Bild über die Schrift. Und darin zeigt sich ein Bildverständnis, das durch aktuell kursierende, semiotisch geprägte „Bildwissenschaften“ kaum abgedeckt wird.

Wer Bilder nur als „visuelle Kommunikation“ liest, wird Michael Gollers Kunst kaum etwas abgewinnen können und dabei übersehen, dass sie – trotz der Konzentration auf scheinbar traditionelle Ausdrucksmittel – ein sehr aktuelles Potential enthält, nämlich einen Gegenvorschlag zu einem Bildverständnis, das sich nur noch an technischen Medien orientiert. Nicht zuletzt die Geste, die in Gemälde umgesetzten biografischen Fotografien danach zu vernichten, macht Gollers Werk zu einem Vorschlag für ein Bildverständnis, das sich der ausschließlichen Prägung durch technische Medien und dem mit ihnen verbundenen Informationsbedürfnis entzieht.