Nirgendwo ist Eines

Galerie Weise 12.2. - 12.4. 2014

Katalogtexte:

Thomas Bauer-Friedrich, Direktor des Kunstmuseums Moritzburg Halle (Saale): ZUM GELEIT

Ein künstlerisches Œuvre ist wie ein Organismus: stets im Zustand der Veränderung und Ausdifferenzierung. Dies trifft im Besonderen auf die aktuellen Arbeiten von Michael Goller zu. Als ich seinem Werk vor vier Jahren erstmals begegnete, war es geprägt von palimpsestartigen «Komplexbildern», wie der Künstler seine Gemälde nannte. Ausgehend von einer konkreten Bildidee, die auf der vorbereiteten Leinwand fixiert wurde, schuf er seine Malereien durch Maskieren einzelner Bereiche und schichtendes Abdecken anderer mittels ausgesprochen gestischen Farbauftrags. Helle Töne in zarten Blau-, Grau-, Rosé- und Grünnuancen bestimmten den Eindruck seiner vollflächig bemalten Arbeiten.
Nunmehr vier Jahre später hat sich nicht nur die Erscheinungsform der Werke Gollers radikal verändert, sondern auch die Art und Weise, wie sie entstehen. Nach einem grundlegenden folgenreichen Prozess der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt und sich selbst gelangte der Künstler zu einem neuen Arbeitsprozess, der eine neue Ausrichtung des Œuvres bedingte. Michael Goller braucht nicht mehr den äußeren Eindruck oder eine auslösende Bildidee, um in den kreativen Prozess einzusteigen. Nach Jahren des Erarbeitens der ihm eigenen Bildsprache kann er aus dem Reichtum seines Inneren schöpfen. Um zu diesen inneren Quellen, quasi ad profundum, vorzudringen, bedarf es der Stille, der Abspaltung alles Äußeren, äußerster Fokussierung. „Ich meditiere mit Farben“, bezeichnete es Alexej von Jawlensky. Michael Goller jedoch bedarf der Farbe zunächst nicht. Sein hauptsächliches Medium ist gegenwärtig das Papier, mitunter wandfüllenden Formats, das er im Zustand höchster Konzentration mit Bleistift, Feder oder Silberstift mit einem grafischen Netz überzieht – ebenso figurativ (Goller nennt diese Blätter «Bild») wie abstrakt («Text»), doch Assoziationen an organische Formen oder Skripturales zulassend. Vergleichbar der von den Surrealisten erstrebten écriture automatique bedeckt er seine bis zu 250 Zentimeter langen „Schriftrollen“ oder die ebenso hohen „Wandblätter“ mit einem Gespinst dessen, was aus seinem Innersten an die Oberfläche des Bewusstseins dringt. Arbeitstechnik wie künstlerisches Ergebnis wecken jetzt noch mehr als zuvor Assoziationen an das Schaffen Gerhard Altenbourgs und Carlfriedrich Claus‘. Doch Goller geht weiter und über sie hinaus. Er verharrt nicht im Grafischen. Hinzu kommt die Farbe – nunmehr in satten dunklen Tönen. In einem eigenen Arbeitsschritt entstehen kleinformatige Leinwände, die als gestisch-malerische Pendants die großformatigen Papiere spiegeln, reflektieren, auf einer anderen Ebene und in einem anderen Medium Ähnliches verarbeiten. Goller bezeichnet die Leinwände als «Kontext» zu den Papierarbeiten. Erst in der Zusammenschau, wie sie der Künstler mittels von ihm arrangierter Ausstellungen selbst herstellt, tritt das Einzelne in einen werkimmanenten Dialog zueinander. Was dabei dem Betrachter offenbart wird, bleibt ebenso geheimnisvoll wie ihre Entstehung selbst.
In Novalis‘ Fragmenten heißt es: „Alles, was wir erfahren, ist eine Mitteilung. So ist die Welt in der Tat eine Mitteilung – Offenbarung des Geistes. Die Zeit ist nicht mehr, wo der Geist Gottes verständlich war. Der Sinn der Welt ist verlorengegangen. Wir sind beim Buchstaben stehengeblieben. Wir haben das Erscheinende über der Erscheinung verloren.“ Der zunehmenden Unverständlichkeit der Gegenwart – Grunderfahrung der Moderne – sucht Michael Goller mehr denn je mittels künstlerischer Arbeit zu begegnen.


Diana Kopka: GEDANKEN ZUM WERK MICHAEL GOLLERS

Konzentration fliegt am Ballon durch die Lüfte. Linien formen sich zum Knäuel. Schriftblüten entstehen. Mann und Frau eng beieinander. Seifenblasen platzen. Sterne glitzern… Kurze Blicke ins Gollersche „Tagebuch“. Der Künstler setzt sich nieder und notiert auf Papierrollen, die gehalten werden von Steinen, die Gedanken des Lebens in Zeichnungen. Es bleibt immer nur ein kurzer Ausschnitt sichtbar, weil das Papier bald an beiden Seiten gerollt sein wird. Begrenzt wird es durch Steine und Tisch - so im Atelier des Künstlers. Hier in unseren Händen blättern wir am Ende des Buches von Seite zu Seite (Abb.      S. 45-55), bemerken die Übergänge und das Zusammenfließen der Linien. Dennoch ist auch hier die Grenze schnell klar. Nur der Ausschnitt ist sichtbar. Das Ganze scheint das Unwahre zu sein.
Michael Goller setzt sich an den Tisch, die Gedanken entleeren sich beim Zeichnen. Er will frei werden. Wie beim Laufen durch die Natur herrscht auch hier eine Stille. Er setzt die Bilder des Kopfes aufs Blatt, sie beginnen zu leben, getragen von einem gemeinsamen Atem. Fast entsteht ein automatisches Arbeiten, nicht getrieben vom Ziel, sondern gelassen auf dem Weg. Die Linie wird zum Atem. Sie ist weich, rund und fast zart. Sie formt sich zu Bildern, zu Menschen, zum Knäuel, meist allerdings bleibt sie abstrakt. Wird die Linie hart und kantig, erinnert sie an die Aufzeichnung des menschlichen Herzschlags durch ein Elektrokardiogramm. Aber diese harten Linien werden nur im Zwischenraum sichtbar. Weitaus öfter sind Linien Tentakel, Fühler des Lebens. Sie enden oder beginnen an weißen Stellen, formen sich, kreisen um den Gedanken, ihn zu benennen oder zu verlieren. Das Leerwerden vollzieht sich im Gang der Dinge. Weitermachen.
Was sich in den „Tagebuchrollen“ noch als flüchtig und im steten Wandel herausstellte, wird im fortschreitenden Vorgehen einem Konzentrationsprozess seitens des Künstlers unterzogen. Es entstehen Zeichnungen, die wie Exzerpte des Vorangegangenen wirken. Das Format ist nun konstant, nicht mehr gerollt. Es ist ein lang gezogenes Rechteck, aber auch nicht mit einem kurzen Blick wahrnehmbar. Wir werden in die Nähe gerufen. Die Zeichnungen sind konzentrierter, kein Strich scheint zu viel. Der Schwung der Linien bleibt vertraut, allerdings sind die teilweise gegenständlichen Formen der „Tagebuchrollen“ fast gänzlich verloren. Die Schriftsprache ist abhandengekommen. Die Konzentration gefunden, der Gedanke formuliert. Alles scheint verwoben. Fantasiewesen treten vereinzelt auf oder doch nur Liniennetze, die meine Gedanken fangen? Die Linie hat ihren Forschungscharakter verloren. Mehr als zuvor schleicht sich die Farbe in die Zeichnung ein, rote Netze, gelbe Flächen, schwarzes Dickicht… Der Maler erwacht. Die Farbfelder sind auf oder unter das tiefe Schwarz des Bleistifts gesetzt, dominieren den ersten Eindruck.
Vergleichbar mit dem automatischen Arbeiten des Tagebuchs sind neue Zeichnungen in großen Formaten entstanden. Lebensgroß an der Wand hängend werden sie zum Gegenüber, wollen bedacht und bearbeitet werden. Des Formates wegen ist die Arbeit mühselig, will täglich neu begonnen werden. Nach Wochen ist die Zeichnung fertig. Meist ist ein alles überstrahlendes Bild sofort erkennbar. Aus der Nähe betrachtet setzt es sich in Gollerscher Weise aus mehreren kleinen zusammen oder besser: Es öffnen sich an der ein oder anderen Stelle neue Bilder für uns. Goller bricht mit der althergebrachten Sehgewohnheit. Exemplarisch sei die Zeichnung eines Mannes (Abb. S. 13) herausgegriffen. Lebensgroß ist der nackte Körper auf wackelige Beine gestellt. Dort, wo das eigentliche Gesichtsfeld zu erwarten ist, ist Leere, zumindest im Sinne der mimetischen Nachahmung der Natur. Angefüllt wird die Leere mit weiteren kleineren Darstellungen von Menschen. An die Stelle des Mundes tritt die Zeichnung eines Mannes, der von einem prunkvollen Stuhl aufzustehen scheint, als wolle er eine Rede halten oder jemanden begrüßen. Zweites Bild: Ein weiterer Mann taucht hinter ihm auf. Er ist größer und kräftiger von Statur. Die Linie dieser Zeichnung ist zarter, dadurch bleibt er im Hintergrund. Drittes Bild: Zwei Männer stehen beieinander, einer trägt einen Anzug der andere scheint ein Richter oder Kardinal zu sein, er hat ein Barett auf dem Kopf. Viertes Bild: Auf der Stirn des großen Mannes sieht man zwei Kerle. In ihrem Hintergrund ist der Ausschnitt eines Hauses sichtbar. Die Blicke der Beiden gehen leer aneinander vorbei, an uns vorbei. Das Bild der beiden Männer ist in sich abgeschlossen, ebenso wie die drei zuvor beschriebenen Bilder auch. In jenen drei Bildern ist die Trennung voneinander durch Überlagerungen, wechselnde Größenverhältnisse der Personen zueinander und unterschiedliche Schwarztöne des Bleistiftes vorgenommen worden. Das vierte Bild wirkt, als ob wir durch eine Lupe schauen. Es ist durch einen kreisrunden Ausschnitt begrenzt. Will man eine Konstante in den Arbeiten Michael Gollers benennen, ist eine mögliche Antwort der Kreis. Manch einmal geformt aus einer schlichten Linie, ein anderes Mal wie ein Brennglas, das den Blick in einen anderen Bildraum öffnet. Das Interesse wird auf einen Ausschnitt fokussiert. Ist es Letzteres, vermittelt sich der Eindruck des Bildes im Bild. Bleibt man noch kurz beim Gesichtsfeld des nackten Mannes, könnte man im übertragenen Sinn vom fraktalen Vorgehen des Künstlers sprechen. Zunächst ist nur ein großes Abbild sichtbar. Es zersetzt sich dann aber in viele kleine Teile. Sie stehen mit dem Großen in Verbindung. Der Gedanke pflanzt sich fort und fort. Es öffnen sich immer wieder neue Bildräume bei der Betrachtung. Zunächst nur nackt steht der Mann auf wackligen Beinen vor uns, dann aber kommen Bilder der Kindheit, des Zusammenseins, der Nähe und des Kräftemessens auf der nackten Haut hinzu, denn sie scheinen in seinen Körper eingeschrieben zu sein. Ganz zum Schluss bemerkt man noch zwei, in den umgebenen Schraffuren des Kopfes fast untergehende engelsgleiche Gestalten. Sie halten einen Stift in den Händen und zeichnen die Linien des Körpers; sie schreiben den Mann in den Lauf der Dinge ein.
Gollers Arbeiten tragen im Moment keine Titel. In den Werken der vorangegangenen Jahre gab es welche, eine Veränderung ist eingetreten. Die einzige Ordnung, die es im Moment gibt, ist die des Entstehungszeitpunktes - Titel fehlen und dennoch funktionieren Wörter manch einmal nur als Wörter. Michael Goller will ihre Kraft nicht missen, neben die Zeichnungen und Gemälde im Buch stellt er eigene Texte. Er unterbricht: mit Aphorismen, Gedichten, essayistischen Textfragmenten. Auffällig ist das wiederkehrende Motiv des Wassers. Die Bewegung des Laufens scheint hier in das Bild des Fließens gesetzt. Gleich neben dem unbewegten Bewegen, ist Eines nirgendwo…
Der Maler Michael Goller ist stiller geworden - nicht mit dem Wort sondern im Gemälde. Die Farbpalette und auch der Duktus haben sich geändert. Von unreinen, verwobenen Pastelltönen hin zu dunklen changierenden Farbflächen, die an der einen oder anderen Stelle aufgerissen oder durchdrungen sind. Der Betrachter trifft auf vertraute Liniennetze. Erneute Begegnung nach dem Sichtbarwerden in der Zeichnung. Hier allerdings geschieht es noch kraftvoller, nach geglücktem Probieren mit dem Stift, exzerpiert der Maler die Zeichnung. Scheint die Essenz herauszusieben. Sei es die abstrakt fließende Linie, sei es das Gemälde, das an Zeichnungen oder auch Fotos erinnert. Der Maler Michael Goller nähert sich dem Puls des Lebens, fängt ihn in Netzen. Im Moment geschieht es erst durch die Zeichnung, welche die Konzentration aus der Leichtigkeit der Lüfte einfängt und sie dann malerisch wieder freisetzt…


Peter Piek: BLICK AUF DIE MALEREI

Mit der Stille kam das Ende, aber auch der Neubeginn.
Der Bleistiftstrich ist Manifest. Vollkommen wie unvollkommen oder unvollkommen wie vollkommen. Bleistift eingebrannt in Papier. Die Zeichnung behauptet sich. Der Moment des Zeichnens ist wie Musik, sagt Michael Goller. Die Malerei ist nicht abgeschafft - ist aber kaum wieder zu erkennen. Auch in ihr erkennt man die Stille. Die Ebene ist, soweit es eben geht, zerstört worden. Unkonkret vibriert das Bild wie ein anhaltender, niemals verklingender Akkord. Niemand weiß, was morgen ist. Niemand weiß noch genau, was gestern war. Darin sind Zukunft und Vergangenheit fast identisch. Nur das Jetzt ist der einzige singulare wirkliche Moment.
Ging es dem Künstler nicht schon immer um das Erforschen des Interdialogischen Subjektes? Und lebt dieses nicht gerade im Zwischenraum aus Zeichnung, der "übrig gebliebenen" und von der Zeichnung befreiten Malerei und den neuen Schriftrollen, welche versuchen ihre Bildbegrenzung aufzuheben? Es ist die Suche nach einer neuen Sichtweise. Es ist die Suche nach einem lebendigen Wunder, die den Künstler dazu antreibt.
Ich stelle es mir folgendermaßen vor: Michael Goller läuft. Zu Fuß. Er fährt nicht mit dem Fahrrad, auch nicht mit dem Auto. Er läuft. Zügig. Indem er läuft, malt er und das Malen geschieht wie Musik. Er läuft auf etwas zu, von dem weder er und natürlich auch wir nicht wissen, wie es aussieht. Wie magisch angezogen. 25 Jahre lief er bereits. Durch Wald, durch Städte, zum Teil durch Dschungel. Es gab Lichtungen. Aber nie konnte man weit blicken. Jetzt scheint es, traf der Künstler plötzlich - wie wenn man auf einen Berg hochsteigt, die Waldgrenze, die Grüngrenze. Oder den Ort, wo plötzlich die Wüste anfängt. Er läuft weiter. Zu stark die Magnetkraft des Ziels. Vieles gab der Künstler dafür auf. Die Erfahrung der Stille markiert den Übergangspunkt.  Allmählich entwickelt sich Klarheit: Bild - Text - Kontext. Und plötzlich kann er weit schauen und zeigt es uns.
Diese Publikation verdeutlicht den Schritt in ein neues, noch unbekanntes Gelände. Ein Uminterpretieren der Bildgrammatik. Ein Vortasten und ein Versuch, die Öffentlichkeit mitzunehmen. Ein Prozess wurde angestoßen, in dem Zukunft und Vergangenheit zusammenkommen.