Rumpelstilzchen

Saarländisches Künstlerhaus Saarbrücken 1.5. bis 8.6.2008

 

Im Dickicht der Malerei. Zu den Bildern von Michael Goller.

Von Torsten Obrist, Essen,
erschienen im Katalog "Rumpelstilzchen", Saarländisches Künstlerhaus 2008.

Wenn der unvoreingenommene Betrachter den Bildern von Michael Goller das erste Mal begegnet, stellt sich eine Irritation ein, die sich auch beim zweiten und dritten Blick nicht verflüchtigt. Wir verirren uns in diesen Bildern, die eine räumliche Verortung, ein Hauptmotiv, einen klaren Stil oder eine inhaltliche Stringenz vermeiden. Und das ist auch durchaus so beabsichtigt. Warum soll es der Betrachter leichter haben, als der Künstler selbst, der sich in einem langwierig suchenden Prozess, in einem Zwiegespräch von künstlerischer Setzung und Verneinung, an das schließliche Bild herantastet. Und auch an diesem Punkt ist lange nicht gesagt, dass in einem einzigen künstlerischen Akt nicht alles bisherige wieder verworfen wird. Das schon Erkämpfte wird in einem wilden gestischen Prozess überpinselt, um dann doch wieder mit eingesetzten Zeichnungen und den Gollerschen Beschriftungen zu enden. – Und nun kann es wieder von vorne losgehen...

Das Fragmentarische

Alles beginnt mit den Entwürfen, die Goller gerade da, wo er sich befindet, in seine Quartbüchlein skizziert. Sie zeigen, dass die späteren Leinwände, so verwirrend sie erscheinen mögen, einer konkreten motivischen Vorgabe folgen, und dass sie ganz planvoll komponiert sind. Im Hintergrund der Bilder finden sich häufig realistische Szenerien, zwar expressiv übersteigert, aber doch deutlich identifizierbar als der Wirklichkeit entnommen. Und dann wird etwas in Gang gesetzt, das halb durch den Zufall, halb durch die skizzierten Vorlagen bestimmt wird. Die Szenerie wird verdichtet, dann überlagert und übermalt mit der nächsten Bildebene und so fort, was Goller selbst als „Maskierung“ bezeichnet. In einem langen Prozess verschwinden manche Bildebenen ganz, andere sind nur noch in Fragmenten zu erkennen, so dass formale und inhaltliche Brüche bildgebend werden. Wie kommt es nun, dass trotz aller Irritationen die Bilder von Michael Goller eine ganz eigenartige Homogenität ausstrahlen?

„Durch die Maskierung konnte ich nun rein schematische Fragmente einbinden und andererseits außerhalb des Schemas nach einer reinen gestischen Malerei suchen. Es sind die formelle Grundidee und die Farbe, die am Ende des Aufspaltungsprozesses beide Sichtweisen wieder zu einem Bild zusammenbringen“*, sagt Goller. Auf die großen Parameter der Malerei der klassischen Moderne, Figuration und Abstraktion, kommt es ihm nicht an: Seine Bilder verbinden beide unbekümmert. Dazu noch einmal der Künstler selbst: „Das Wahre in der Malerei liegt aber nicht im Gegenständlichen und auch nicht im Nichtgegenständlichen. Ich suchte nach Zeit und Raum, um die Suche nach dem Urbild intensiv fortzusetzen.“*

Das Fragmentarische und Dissoziative scheinen perfekt geeignet, das Urbild unserer Wirklichkeit abzubilden: Im Rauschen der medialen Eindrücke ist einzig das Flüchtige von Bestand. Die Bilder von Goller sind in der Lage, beide zu vereinen: Die Flüchtigkeit, denn wir können in ihnen hin und her zappen, und jeder Quadratzentimeter der Leinwand eröffnet uns eine neue Geschichte und einen neuen Horizont; Die Beständigkeit, denn wir wissen und erkennen im Bild, dass hinter jedem Fragment eine nicht beliebige Vorgeschichte steht, ein schwieriger Kampf im künstlerischen Prozess, der dauerhaft in den Tiefen der Leinwand weiter tobt.

Genau genommen haben wir es vor einer Leinwand von Michael Goller stets mit mehreren Bildern zu tun, die miteinander verschmolzen werden. Die Malerei eröffnet im Unterschied zu audiovisuellen Medien die Möglichkeit, alle Bilder nebeneinander in ihrer ganzen Dimension stehen zu lassen. Goller erwartet gar nicht, dass der Betrachter alle Bildebenen erfassen und begreifen kann, und trotzdem sind sie natürlich da, weil der Künstler sie im Schaffensprozess „durchlebt“ hat. 

Horror vacui

Aristoteles prägte die längst widerlegte Annahme, dass die Natur keine Leerstellen erdulde, und bezeichnete dies für die zukünftige Geistesgeschichte als „horror vacui“, Scheu vor der Leere. Überall ist „etwas“, und hinter dem Mond ist der Urstoff, der „Äther“. Dieses fünfte Element scheint auch die Bilder von Goller zu erfüllen, darin sich alles abspielt. Wenn in dem Bild „Dialog (Pressekonferenz)“ (Seite 8)  ein weißer Wirbel aus konkreter Malerei sich in den Bildraum zwingt, und sich wie eine bindende Masse zwischen die disparaten Bildelemente schiebt, glaubt man den Äther zu sehen. Es ist kein Raum für Leere in diesem Bild.
Es ist kein Raum für Leere in unserer Zeit, möchte man einstimmen, und auch hier sind Gollers Bilder eine Paraphrase auf unsere Wirklichkeit. Windows, Zapping, Widgets, Googlen, Bloggen, Secondlife etc: Wem diese Begriffe vertraut sind, weiß wovon ich spreche. Das mediale Rauschen ist überall, und über allen Wipfeln herrscht der Mobilfunkmast.
Aber wir haben ja die Malerei von Michael Goller, die mit Pinsel und Farbe gleichzeitig einen adäquaten Ausdruck und ein Gegenbild unserer Zeit liefert. In dem Bild „Dialog (Amoklauf)“ (Seite 10) erahnen wir im Hintergrund eine Gruppe von Menschen, die sich locker im Bildraum verteilt. Was diese Menschen zusammengeführt hat, und an welchem Ort sie sich befinden, wissen wir nicht, denn Goller übermalt mit raumgreifenden Pinselstrichen große Teile der Leinwand. Wie in einem Amoklauf löscht er die Personen im Hintergrund, bleibt dabei aber im Rahmen der Komposition: Die hin und her schaukelnden Pinselstriche sind in einem Spektrum von Pastelltönen gehalten und ordnen sich wirbelartig um die Bildmitte. Die Leinwand implodiert förmlich ins Zentrum. Chaos und Ordnung halten sich die Waage. Dass die Übermalung keineswegs beliebig erfolgt, unterstreicht Goller mit den schwarzen und grauen „Blasen“, die scheinbar aus dem Hintergrund empor steigen, und in denen sich in Strichzeichnung ein Orchester abbildet. - Gleich einer musikalischen Komposition greift jedes Teil in das nächste, alles ordnet sich dialogisch dem Gesamten unter.

Schrift und Bild

Den Abschluss des Malprozesses bilden die runenartigen Schriftzüge, die meist gleichbedeutend mit dem Titel sind, oder aus seinem Assoziationsfeld stammen. So steht über der rechten Blasenformation im vorliegenden Bild „Amoklauf“ in einer Schrift, die Goller selbst erfunden hat. Diese Schrift ist weniger bezeichnend als zeichnerisch zu sehen. Goller störte „an den bisherigen Schriften deren vordergründige und somit plakative Lesbarkeit und das damit verbundene Horizontale der Buchstaben, deren Ausrichtung an einer Fußlinie des Leseflusses“*. Bei der Entwicklung seiner eigenen Schrift half ihm das Schreiben mit einer Feder, die in rhythmischen kurzen Strichen ansetzt, und eine vornehmlich vertikale Ausrichtung hat. Wie bei der germanischen Runenschrift ist das äußerliche Charakteristikum der Gollerschen Schrift die Vermeidung waagerechter und gebogener Linien (Runen wurden häufig in Buchenstäbe geritzt, was durch diese Disposition erleichtert wurde). Und noch eine weitere Parallele ist augenfällig: Runen wurden zwar seit der Wikingerzeit meist rechtsläufig geschrieben. Davor aber war ihre Orientierung nach beiden Seiten möglich. Auch Michael Goller hat sich eine zeitlang darin geübt, von rechts nach links zu schreiben, und hat dabei sogar die Schreibhand gewechselt. In unserem Bild ist die Künstlersignatur ebenfalls in Spiegelschrift von rechts nach links geschrieben. Auseinandersetzung mit Schrift ist für Goller also ein wichtiges Element in seiner Malerei. Durch seine Neuerfindung bereinigt er die Worte von ihrem bezeichnenden Charakter, denn sie sind für den ungeübten Betrachter nicht sofort und eindeutig zu entziffern. Wie eine magische Beschwörungsformel ragen sie in das Bild, verrätselt, halb Zeichnung, halb Schrift.
Das Verhältnis von Schrift und Bild wird bei Goller immer wieder thematisiert. Weder schließt er sich der These an, dass ein Bild ganz ohne Begriffe alle Antworten geben kann, noch der These, dass erst der begriffliche Kontext das Bild zur Existenz führe. Wie Goller sagt, wird im ersten Fall eine visuelle Antwort auf eine begriffliche Frage gegeben „und das sind zwei verschiedene Ebenen, zwischen denen der Betrachter in den seltensten Fällen den passenden Synchronisationsschlüssel hat.“* Der Interpret dieser Bilder steht vor einem ähnlichen Zwiespalt: Kann über etwas adäquat gesprochen werden, das einem anderen Medium, dem der Malerei entstammt, und das daher Bildsprache ist? Begriffe können deshalb nur Annäherungen liefern, ersparen aber nicht die wirkliche Erfahrung des Bildes. Im zweiten Fall wird eben nicht berücksichtigt, „dass es ein Sein im Bild, und vor allem in der Malerei, gibt, welches sich ausschließlich nur durch das Bild offenbart.“* Gollers „Beschriftungen“ im Bild stehen in einer Mittelstellung, denn sie bedeuten Begriffe, die inhaltlich eng mit dem Bild zusammenhängen, und doch auch bildimmanent als ästhetische Zeichen im Rahmen der Komposition wirken.

Gang durch die Kunstgeschichte

Ein weiteres Bild aus der Dialog-Serie „Dialog über den Dächern (2007)“ (Seite 14) verweist auf ein anderes wichtiges Element der Gollerschen Bildfindung, das bisher noch nicht angesprochen wurde. Häufig zitiert er in seinen Fragmenten die Geistesgeschichte und die Geschichte der Malerei, hier die überhaupt ersten überlieferten Bilder, die Höhlenzeichnungen. Wenn sich dabei auch ein gezeichneter Brontosaurus findet, ist das mehr als ein Spass, verweist Goller doch darauf, dass wir uns im Laufe der Menschheitsgeschichte inzwischen ein lebendiges Bild vom Aussehen der Dinosaurier gemacht haben, dass dieses Bild also zum kollektiven Gedächtnis der Menschheit gehört, obwohl die Saurier lange vor dem Erscheinen des Menschen ausgestorben waren.
Wenn man Gollers Atelier besucht, hängen dort überall Bildpostkarten von Werken aus allen Zeiten der Kunstgeschichte. Die klassische Antike neben einem Chagall. Dies ist der Fundus, aus dem er einige seiner Bildfragmente schöpft, und an dem er sich formal wie inhaltlich bedient. In seinen Bildern verbindet er eine expressive figürliche Malerei mit einer Zeichnung, die an Picasso oder Cocteau erinnert, ein kindliches Blümchenbild mit dem kraftvollen Malakt der „Jungen Wilden“, den abstrakten Expressionismus mit der „Art Brut“. All diese Elemente finden sich in dem vorliegenden Bild, und doch bleibt es damit natürlich nur unzureichend beschrieben. Die Dächer, „über“ denen der Dialog stattfindet, sind skizzenhaft in den Bildvordergrund gerückt, ohne jegliche räumliche Zuordnung im Bildkontext. Der Dialog selbst wird durch Bildfetzen und durch kleine blaue Teilchen, die sich frei im Bildraum verteilen, angedeutet. Er findet unter drei Menschen statt, von denen zwei zum rechten Bildrand schauen, einer jedoch staunend in eine offene Welt blickt. Man kann sich vorstellen, dass sich ihr Dialog wohl um die Kunst und um die geistige Welt dreht. Dies alles vor der Folie der bereits erwähnten Höhlenzeichnungen. Unwillkürlich denkt man an Platons berühmtes „Höhlengleichnis“, mit dem die Begrenztheit des menschlichen Geistes skizziert wird: Die Menschen leben tief unten in einer Höhle, gefesselt an das Gestein. Sie sind dazu verdammt, ihren Blick auf die inliegende Höhlenwand zu richten. Hinter ihrem Rücken vom Eingang her kommt Sonnenlicht, von dem sie aber nichts wissen, nur ab und zu sehen sie auf der Höhlenwand die Schattenwürfe derer, die am Höhleneingang vorbeigehen. Das kümmert sie aber auch nicht weiter, denn das ist die Welt, wie sie sie kennen. Derjenige, welcher sich damit nicht zufrieden gibt, und mehr wissen will, sich befreit, die Welt blickt, und den anderen von der Freiheit erzählt, wird für verrückt erklärt.
Gut möglich, dass sich Michael Goller mit diesem Bild auf Platons Gleichnis bezieht. Der Künstler ist der Rebell, der hinausschaut, die Welt schaut, sich dadurch aber auch isoliert, und daran zerbrechen kann. Goller hat diese Erfahrung am eigenen Leib gemacht, wird aber keineswegs müde, seine Auffassung von Welt weiter in seiner Malerei zu vermitteln. Bis heute hat er schon ein sehr umfangreiches Oeuvre geschaffen, das eigenständig und ungewöhnlich ist. Seine Malerei ist ein Angebot und eine Aufforderung an uns, einen anderen Blick auf unsere Welt zu richten. Dabei sind hier aus der Fülle der inhaltlichen und formalen Motive nur einige wenige zur Sprache gekommen. Es ist noch viel zu entdecken...

* Alle Zitate aus "Michael Goller: Häufige Fragen. Malerei und Ich.“ 2005, digital publiziert auf www.michaelgoller.com