Das Merkurische Jahr

Erzhammer Annaberg-Buchholz 29.4. bis 24.6.2006


Wenn eine Ausstellung nach einem Werk betitelt ist, das selbst nicht in dieser Ausstellung vertreten ist, so muss dies seine besondere Bewandtnis haben. Eine Bewandtnis, der man als Eröffnungsredner zumindest nachgehen sollte, auch wenn es den meisten Besuchern wahrscheinlich nicht auffallen wird.
„Das merkurische Jahr“ heißt ein großformatiges Diptychon von Michael Goller, abgebildet auf der Einladungskarte und von dem hier in der Ausstellung zumindest eine kleine Vorstudie zu sehen ist.
Die antike Gottheit Merkur, bzw. das Merkurische, steht also als Leitmotiv über dieser Ausstellung, dem ich ein wenig nachgegangen bin.
Der im alten Rom „Merkur“ genannte Gott hieß bei den Griechen „Hermes“ und dürfte heutzutage vor allem als Gott des Handelns breitere Bekanntheit genießen (Merxx, römisch Handelsware; „Merkantilismus“). Eingefleischtere Mythologiefreunde kennen Hermes vielleicht auch noch als Gott der Reisenden.Zwar sind Gollers Kunstwerke letztlich auch Handelsware und viel unterwegs auf Ausstellungen, so dass Schutz und Schirm dieser Gottheit sicherlich angebracht ist, aber es gibt noch mehr Bezüge, die den Titel dieser Ausstellung plausibel begründen.
Zunächst lässt sich Hermes vom Griechischen herleiten und bedeutet so viel wie „wohlgeordnete Zusammenfügung“. Damit sind wir schon mittendrin in Michael Gollers Malerei. Was flüchtig betrachtet vielleicht wie ein mehr oder weniger zufällig zusammengepinseltes Farbgebilde daherkommt, erweist sich bei genauerem Hinsehen jedoch als durchdachte Komposition. Man erkennt die gezielte Farbauswahl und den bewussten Einsatz der künstlerischen Ausdrucksmittel – eben eine „wohlgeordnete Zusammenfügung“. Skizzen und Studien sind deswegen auch wichtige Vorarbeiten für Goller, der allerdings auch dem Zufall beim Arbeiten noch seinen Raum lässt. In ständiger Reflexion treibt er seine Bilder voran, verdichtet, verwirft und übermalt immer wieder. Das kann sich zum Teil über sehr lange Zeiträume erstrecken - schließlich kann man in seinen Werken aber immer auch etwas von diesem Prozess verspüren. Es sind keine glatt gestrichenen Bilder, keine leblosen Gebilde, sondern impulsiv-leidenschaftliche Malereien - ganz im Sinne des Merkur, der auch als „Geist göttlicher Betriebsamkeit“ bezeichnet wird.
Goller ist ein Schichtarbeiter. In seinen Bildern finden sich die Geschichten als Geschichtetes im wahrsten Sinne des Wortes. Die übereinander geschichteten Farbschichten lassen Überlagerungen entstehen, die unten liegendes zum Teil ganz verdecken, oder aber erst die Ahnung entstehen lassen, dass dort etwas verborgen liegt, nach dem mit den Augen zu schürfen ist. Goller legt Fährten aus, lässt uns auf seinen Spuren umherwandeln. Er verhüllt und enthüllt, lässt die Dinge sich gegenseitig durchdringen und zu neuen Konstellationen gerinnen.
Der Einstieg in jedes seiner Gemälde ist wie das Aufspüren einer Erzählung. Wie ein dickes Buch hält es für uns einen Schatz an Geschichten bereit. Es hat fast etwas mit Archäologie zu tun, seinen Werken auf den Leib zu rücken, sie sprechen zu lassen, denn man muss diese Schichten für sich freilegen.
Ebenso zu entschlüsseln gilt es die eigentümlichen Schriftzeichen – eine Gollersche Eigenschöpfung –, die wie Runen oder steinzeitliche Zeichen in die Farbhaut hineingekratzt sind und helfen, fast jedes Werk auch begrifflich zu erfassen. Es gibt keine „Ohne Titel“-Arbeiten in dieser Ausstellung. Denn Goller ist ein Geschichten-Erzähler, seine Bilder sind konkret, die Titel poetisch und lakonisch zugleich, dabei immer richtungsweisend. Damit sind wir wieder bei Merkur, der auch als Gott der Beredsamkeit gilt.
Merkur hatte eine Neigung zu listigen Bosheiten und beherrschte hervorragend die Kunst, anderen heimlich das ihre zu entwenden.
Wenngleich Goller auch keine diebischen Ambitionen verfolgt, sind für seine Arbeiten Zitate und Einschlüsse verschiedenster Art doch sehr charakteristisch.
Für die im Musikzimmer präsentierten Gemälde hat sich Goller bei zwei in Annaberg geborenen Künstlerfreunden „bedient“ . Fotografien von Klaus Sobolewskis Skulpturen wurden zum Ausgangspunkt für diesen Zyklus. Der surreale Charakter der amorphen Gebilde, die er sehr zeichnerisch angelegt hat, wird durch die breiten Farbflecken unterstrichen, die wie Inseln auf der Leinwand schwimmen. Für den zweiten Teil verwendete er als Vorlage Fotografien der skandalumwitterten Barbiepuppen seines Querschlag-Kollegen Michael Knauth. Die Barbies haben jetzt ihr Plastikkleid abgestreift, tummeln sich aber munter weiter – nun als spröde Zeichnungen in Gollers Landschaften.
Aber auch in anderen Arbeiten finden sich diverse Zitate und Einschlüsse.
Wie Fenster auf dem Computer, die sich mal gewollt – mal nicht gewollt, plötzlich öffnen und „Optionen“ oder „Extras“ oder „Symbole“ bereithalten, öffnen diese gewissermaßen als eine Bild-im-Bild-Funktion immer neue Aus- oder Einblicke für den Betrachter.
In „Zimmer mit Rot“ (großes Vorbild Matisse Roter Salon) ist der Hintergrund eine aus breiten roten und rosafarbenen Pinselstreifen aufgebaute Fläche. Wie eine alte Ziegelmauer bricht diese fast in der Mitte auf und ein schwarzes Loch mit kleinen Männchen wird sichtbar, das so gar nichts mit der Interieursszene im Vordergrund zu tun haben scheint.
Die Mehrschichtigkeit und Komplexität, das Gleichzeitige disparater Geschehen, von dem unsere Tage bestimmt sind, finden sich hier entsprechend visualisiert.
In den großen Leinwänden ergießen sich Formen und Inhalte von orchestraler Fülle und Opulenz auf den Betrachter. Man ist fast geneigt, hier von einem „Horror vacui“ zu sprechen. Dagegen bilden die Zeichnungen und Arbeiten auf Papier mit ihrer kammermusikalischen Konzentration eine Art Gegenpol. Sie sind sparsamer im Bildaufbau und auf wenige Elemente reduziert. Ganz deutlich wird hier eine weitere Gollersche Eigenheit sichtbar: eine gewisse Diskrepanz oder Zweigleisigkeit in den verwendeten Mitteln, was allerdings gut auskalkuliert ist: Exakte Zeichnungen feinster Linearität, zumeist Stilleben-Szenerien oder antike Porträtbüsten darstellend, treffen auf gestische Farbspritzer, Tropfen, Flecken, wodurch die Werke ihre pulsierende Dynamik und einen eigenen Rhythmus bekommen.
Auch die Gestalt des Merkur bzw. Hermes ist von einer ziemlichen Ambivalenz und Vielschichtigkeit geprägt: Im Lexikon der Kunst liest man lapidar: „Hermes: Gott der Herden, der Diebe und des Handels“. Eine interessante Kombination und Reihenfolge von hoher Aktualität.
Eine antike Anekdote soll diese Ambivalenz illustrieren:
Hermes stahl Apollon eine Rinderherde, deswegen gilt er eben auch als Gott der Diebe. Aber mit der Erfindung der Lyra aus einem Schildkrötenpanzer begeisterte er Apollon derart, dass er die Herde schließlich behalten durfte. Durch die Erfindung der Lyra (und der Flöte, was ihm auch noch zugeschrieben wird) wird Hermes eben auch mit den Künsten in Verbindung gebracht.
Michael Goller gibt in seinen neuen Bildern der Vielschichtigkeit und Ambivalenz unserer Tage, den komplexen Beziehungssystemen, in denen wir uns befinden, einen zeitgemäßen Ausdruck, der von archaischer Kraft und malerischer Verve beseelt ist.
Mit zwei Arbeiten kommt uns Goller hier im Erzgebirge motivisch sehr entgegen: Das Gemälde „Waldbild“ und die Tuschezeichnung „Geschnitzter Hirsch“ scheinen wie für eine Ausstellung im Zentrum des Obererzgebirges gemacht. Lauern hier unverholen Verkaufsabsichten unweit von Annenkirche und der großen Kitschgasse (– großen Kirchgasse?) Wohl kaum, denn es scheint nur schwer vorstellbar, dass das Waldbild als zentraler Wandschmuck im Vereinszimmer großen Anklang finden würde. Und es ist ebenso zu bezweifeln, dass die Zeichnung „Geschnitzter Hirsch“ den „Röhrenden Hirsch“ als Urkundenmotiv für die hundertjährige Mitgliedschaft in der Schützengilde ersetzen könnte.
In diesem Sinne: der Ausstellung viel Erfolg.
Alexander Stoll, Neue Sächsische Galerie, April 2006